Home arrow Methode arrow Leserbriefe arrow Von Herrn Clemens Hünerberg
Von Herrn Clemens Hünerberg
Lieber Herr Bangiev,

Sie baten mich um eine Stellungnahme bezüglich Ähnlichkeiten zwischen der Rezension von Herrn Große und meinen "Restzweifeln". Ansatzweise. ja. Aber während Herr Grosse keinen Verständigungsgewinn mit ihrer Theorie und Methode erkennen kann, bin ich von ihren Nutzen überzeugt und habe das auch im Gegensatz zu Herrn Grosse sowohl an Beispielen als auch mit theoretischen Überlegungen versucht zu belegen.

Anders als er behauptet, reiht er sich in die Reihe der polemischen Kritiker a la Schlemmermeyer ein. Herr Große zitiert Sie einmal ausführlicher, aber eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Stattdessen diffamiert er ihr Hauptwerk als "eine Art Kochbuch",das zahlreiche "umständliche Begriffsdefinitionen" und wenig anwenderfreundliche "Allgemeinheiten" für Schüler und Amateure bietet. Er bevorzugt und empfiehlt leichtlesbare Abendlektüre. Wenig glaubwürdig ist es, dass Herr Große sich die Grundlagen ihrer Felderstrategie erarbeitet haben will, aber ohne Erfolg auf ausgewählte taktische Großmeisterkombinationen anwenden konnte. Stattdessen hat er aufgrund der ihm bekannten Taktikmuster die Kombinationen "mehr oder weniger zügig "gelöst. Gratulation, man nennt das in der Psychologie "einesich selbst prophezeiende Vorhersage". Herr Große räumt zwar ein, dass die Felderstrategie sich nicht auf Taktik reduzieren lässt; ihr Potential hat er aber nicht erkannt: (3.Beispiele)

  1. Man kann mit der Felderstrategie und Denkmethode von Anfang bis zum Ende einer Partie sehr flexibel und konkret eine Grund- und Zielstrategie verfolgen.
  2. Diese Strategie erfordert weder umfangreiches Eröffnungs- und Variantenwissen noch Wissen von Silmans " Theorie der gestörten Gleichgewichte".(Natürlich schadet es nicht. Im Gegenteil!)
  3. Ihre Felderstrategie fördert die Taktikfindung, insbesondere die Bestimmung des Zielfeldes als strategische Basis.

M.Weteschnik schreibt dazu ( ohne Kenntnis der Felderstrategie ) in seinen sehr instruktiven Lehrbuch der Schachtaktik: " Versuchen Sie die anfangs vielleicht merkwürdig anmutende Idee zu verfolgen, nämlich ihre Berechnungen von der Endstellung ,einen Ziel aus zu beginnen. Sie nehmen dadurch bereits den taktischen Weg vorweg." (S.108) Ich möchte die Bedeutung der Strategie mit mehreren Zitaten von Exweltmeister Kasparov aus seiner außergewöhnlichen Biographie unterstreichen. So heißt es bei ihm:" Die erfolgreichen Schachspieler verankern ihre Berechnungen bei jedem Spieltempo fest in strategischer Planung. Eine schnelle und eine wirkungsvolle Analyse schließen einander demnach nicht aus, sofern eine Leitstrategie vorhanden ist." (S.39) Weiter ist zu lesen: "Sich ein großes Fernziel und kleine Zwischenziele zu  stecken, ist der erste Schritt, daran festzuhalten und auf Kurs zu bleiben der zweite." (S.42) Natürlich ist das schwierig, meint Kasparov:" Der Grad zwischen Flexibilität und Konsequenz ist schmal. Ein Stratege muss Vertrauen in seine Strategie haben und den Mut sie zu befolgen. Gleichzeitig sollte er offen für einen Richtungswechsel sein." (S.52) Dabei ist es nach Kasparov wichtig:" Wir müssen wissen, wonach wir fragen, und diese Fragen immer wieder stellen. Haben sich die Bedingungen so geändert, daß ein Strategiewechsel vonnöten ist, oder reicht eine  kleine Korrektur aus? Haben sich grundlegende Ziele verändert?" (S.53) Abschliessend bringt es Kasparov auf den Punkt: "Während sich der Begriff Strategie abstrakt auf langfristige Ziele bezieht, geht es bei der Taktik konkret um den in diesem Moment optimalen Zug." (S.62) Von einen Schachgenie zu lernen, ist sicher empfehlenswert  Kasparov hat zahlreiche "felderstrategisch" lehrreiche Partien kreiert. (Beispiel Kasparov-Shirov 1996). Leider ist er uns aber eine Strategietheorie schuldig geblieben. Wie komme ich denn zu einer Stellung- und Partieangemessenen Strategie? Wie ermittle ich die strategisch und taktisch wichtigen Felder, Teil- und Hauptziele? Wie erkenne ich Strategie-, Richtungs- und Farbwechsel? Es ist ihr Verdienst, Herr Alexander Bangiev, mit ihrer Felderstrategie und Denkmethode, dazu einen wichtigen Beitrag zu leisten. Herr Große macht den gleichen Fehler wie die meisten Amateure: Er stellt die Berechnung von Varianten in den Vordergrund und sucht nach Kombinationen, aber allein mit taktischen Mitteln oder leichzugänglicher positioneller "Abendlektüre" lässt sich das amateurhafte Denken nicht überwinden. Um taktisch aussichtreiche Stellungen zu erreichen, müssen wir unsere strategische Kompetenz schulen. Die Felderstrategie und Alexandertechnik bietet dafür sehr gute Möglichkeiten. Natürlich haben Sie Recht, wenn sie warnen: Man könne die Praxis allein mit der Theorie meistern. "Dabei wird ein wichtiger Aspekt vergessen, die eigene Erfahrung!`" Üben, Üben und noch einmal üben! Zum Schluss habe ich eine Bitte: Vergleichen Sie mein Anliegen möglichst nicht mit Herrn Große. Wenn Zwei die gleichen Zweifel haben, müssen sie nicht auch der gleichen Meinung sein. Herr Große hat keinen Zugang zu ihrer Theorie gefunden, mein schachliches Denken hat sie verändert und beflügelt. Neben der Theorie bemühe ich mich um die praktische Aneignung.

Mit freundlichen Grüßen,
Clemens Hünerberg

 
< Zurück   Weiter >