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Offener Brief zur Rezension in der Zeitschrift KARL

Betr. Rezension von Wilhelm Schlemermeyer „Finger weg von der Felderstrategie“ (Karl - Kolumne 20. 12. 2006):

Sehr geehrter Herr Schlemermeyer,

Mein offener Brief ist damit begründet, dass die Inhalte, die ich mit ihm vermitteln möchte, keinen persönlichen Charakter tragen, sondern für viele Schachfreunde von Bedeutung seinen können.


Sie veröffentlichen auf der Webseite von „karlonline.org“ (Karl - Kolumne 12.2006) eine kritische Rezension (Beitrag „Finger weg von der Felderstrategie“) über mein Buch “Felderstrategie: Taktik”. Ich möchte mich nicht beschweren, dass mein Buch kritisiert wird, halte aber die Art und Weise, wie es kritisiert wird, für unredlich. Die Kritik besteht aus Behauptungen, die sachlich nicht begründet werden.

Der Leser, der Genaueres über das Buch und seinen Inhalt erfahren möchte, wird enttäuscht und für dumm verkauft. Er findet hier kein einziges Wort über den Inhalt des rezensierten Buches sondern bloße Überlegungen, ob die Felderstrategie eine Wissenschaft ist oder nicht, ferner Auszüge aus meinem Interview und aus meiner Webseite. Wenn der Leser solche Rezensionen liest, bekommt er nur Behauptungen gegen Behauptungen geliefert. Er nimmt so aber an keiner Diskussion teil. Zudem wird das schachliche Denken des Lesers in keiner Weise gefördert.

Sie schreiben: „Wenn der Autor auf seiner Website seine Denkmethode (die er nach sich selbst Bangiev- bzw. B-Methode nennt) als „angewandte moderne Schachwissenschaft“ anpreist, ist dies nicht mehr als pseudowissenschaftliche Marktschreierei. Selbst wenn es so etwas wie eine „Schachwissenschaft“ tatsächlich gäbe, handelte es sich bei Bangievs Ansatz mehr um „Schachmystik“.

Meine wichtigste Frage: Aus welchen Prämissen resultiert denn nun diese Schlussfolgerung? Sie stellen erst eine Behauptung auf und schließen dann daraus wieder eine Behauptung - sehr logisch! Ich möchte aber nicht mit Behauptungen gegen Behauptungen agieren, sondern hier einige meiner Argumente offen legen.

Was ist Pseudowissenschaft?

Entwickelt die Wissenschaft Theorien, die nicht intersubjektiv nachprüfbar sind, wird sie zur Pseudowissenschaft. (Wikipedia)

Die wichtige Frage ist, ob die Theorien bzw. Ergebnisse, die die Felderstrategie entwickelt, überprüfbar sind oder nicht. Die Felderstrategie ermöglicht die Einschätzung der Stellung bis zum einzelnen Feld. Durch die Einschätzung der Stellung werden die relevanten Felder festgestellt und die diese Felder verteidigenden Steine, die so genannten Zielsteine, entdeckt und genannt. Dadurch wird die nötige Informations- Datenbasis geschaffen, die es dem Spieler ermöglicht, seine Planung zu entwickeln. Es ist nämlich so, dass nicht jeder Spieler, sondern nur Spitzenspieler dazu fähig sind, die Sprache der Stellung intuitiv zu verstehen. Ich zeige Ihnen hier nur 10 Beispielpartien von Spitzenspielern und führe jeweils aus, wie deren Verlauf genau den Gesetzmäßigkeiten der Felderstrategie entspricht. Unzählige andere solcher Beispiele wären möglich!

In all diesen Partien ist es einer Seite gelungen, das Spiel direkt nach den Anforderungen der Stellung zu gestalten, also die durch die Einschätzung der Stellung festgestellten Ziele völlig zu realisieren.

Spitzenspieler kennen und beherrschen das, sie beachten die Gesetzmäßigkeit des Schachs, sie spielen exakt nach den Daten der Stellung und genau das unterscheidet sie von Amateuren! Diese Daten sind erforschbar und nachprüfbar. Wenn ein Spieler wie ein Profi spielen möchte, dann soll und kann er die Gesetze des Schachs verstehen lernen und diese zu beachten lernen. Für Amateure mit sehr wenig Spielpraxis bleibt als Option oft nur der Weg “Probieren und weiterhin ewig Fehlspielen”, für ambitionierte Spieler geht jedoch kein Weg daran vorbei, sich intensiv mit den komplexen Schachgesetzmäßigkeiten auseinander zu setzen.

Sehr geehrter Herr Schlemermeyer, Sie zweifeln daran, ob es überhaupt eine Schachwissenschaft gibt.

Das Schachspiel ist das wissenschaftlichste Spiel aller Spiele!

Was ist Wissenschaft?

„Wissenschaft besteht aus Forschung und Lehre.

Forschung: Wissenschaftliche Forschung ist die methodische Suche nach neuen Erkenntnissen. Die Ergebnisse werden systematisch dargestellt und veröffentlicht, damit sie prinzipiell von jedermann nachvollzogen und überprüft werden können.

Lehre: Lehre ist die organisierte und systematische Weitergabe der Grundlagen des wissenschaftlichen Forschens und die Vermittlung eines Überblicks über den aktuelle Stand der Forschung. Lehre ist die Tätigkeit, bei der ein Wissenschaftler die Methoden der Forschung an Studenten weitergibt und ihnen einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung auf seinem Gebiet vermittelt. Dazu gehört einerseits das Verfassen von Lehrbüchern...„. („Wikipedia„)

Die Felderstrategie entspricht vollkommen diesen Anforderungen. Die Felderstrategie besteht aus Forschung und Lehre.

Forschung: Die Felderstrategie untersucht das Schachspiel, sie sucht nach neuen und nach allgemeingültigen Gesetzen des Schachs. Die Ergebnisse werden systematisch dargestellt und veröffentlicht, damit sie prinzipiell von jedermann nachvollzogen und überprüft werden können. Es werden in der Felderstrategie, immer mehr Gesetzmäßigkeiten entdeckt und untersucht. Gesetze sind geradezu das wichtigste Kriterium aller exakten Wissenschaften!

Lehre:  Lehre (Sprich „ Ausbildung und Training“) ist die organisierte und systematische Weitergabe der Grundlagen der Felderstrategie und B-Methode. Lehre (z.B. Training) ohne wissenschaftliche Fundierung ist nämlich nichts anderes als „Quacksalberei“ und „Mystifizierung“, weil es nicht wirklich nachvollziehbar ist, was, warum und wie geschieht und welche Ergebnisse sie erzielt.

Ein Grund dafür, dass man im Schachbereich kaum über „wissenschaftliche“ Kriterien spricht und diskutiert, ist, dass es bisher mit Ausnahme der Felderstrategie noch keine ausgereifte und akzeptierbare „Schachwissenschaft“ gibt.

Bedeutung der Felderstrategie.

Die Ergebnisse der Felderstrategie stellen eine Grundlage der Schachtechnik dar und sind damit indirekt von Bedeutung für das moderne Schach. Nicht nur, dass sie Schach auch für Amateure wissenschaftlich zugänglich machen, sondern auch, weil es für das Fortbestehen und Wachstum der Schachsport-Bewegung extrem wichtig ist, wie man sich präsentiert. Zu diesem Prozess kann die Felderstrategie einen nicht unwesentlichen Beitrag liefern. Eine wahre Fundgrube für Spieler, Trainer und Funktionäre auf jeder Ebene.

Wir haben mit der Felderstrategie und B-Methode einen seriösen Ansatz dazu. Immerhin ist schon ein beachtlicher Weg geschafft worden in den 10 Jahren meiner Forschungstätigkeit zur Felderstrategie. Ein noch viel weiteres Feld steht jedem offen, der sich darin betätigen möchte.

Nur ein letztlich kleiner „Fachbereich“ der Felderstrategie ist die „B-Methode“ mit ihren 3-Grundfragen und dem danach ausgerichteten und eingebundenen 10-Punkte-Handlungsprogramm. Sie ist eine inzwischen bewährte Anwendungstechnik der Felderstrategie. Übrigens: Dass ich vor die Bezeichnung dieser „Methode“ ein „B“ als Abkürzung für meinen Namen gesetzt habe, ist ein wissenschaftlich durchaus üblicher Brauch und sicherlich verzeihbar.

Sie schreiben: „Es gibt zurzeit eine Reihe von wirklich guten Titeln zum Thema Denktechniken im Schach“.

Es wäre allerdings von Nutzen, welche Bücher zum Thema Denktechniken im Schach Sie in der Tat meinen, denn ich selbst kenne kein einziges. Die traurige Tatsache ist nämlich, dass in der bisherigen Schachliteratur kein einziges Buch über Denktechniken geschrieben wurde, es sei denn, man bezeichnet psychologisch-philosophische Betrachtungen oder Bücher über angebliche Schachstrategien als solche. Die versuchen jedoch nicht, die gesamte Denktechnik zu beschreiben sondern lediglich mehr oder weniger spezielle Teilbereiche im Schach zu thematisieren. Dies gilt – unabhängig davon, wie weit die Autoren ihrer Zeit voraus waren – für alle, die sich mit „Strategie im Schach“ beschäftigt haben, angefangen bei Tartakower, über Nimzowitsch bis hin zu Suetin. Keiner von ihnen hat jedoch beschrieben, wie man denken muss, welche konkreten Fragen man sich jeweils stellen und beantworten muss, damit man zu den entsprechenden Zügen kommt!

Sie schreiben: „Ich vermute, die B-Methode ließe sich viel besser präsentieren“.

Was soll man dazu sagen? Erkennen Sie die B-Methode letztlich doch an, nur nicht die Art der Präsentation? Oder glauben Sie, so meine Theorie widerlegen oder kritisieren zu können? Warum haben Sie sich nicht die Mühe gemacht, Ihre Widerlegung an einem Beispiel aus meinem Buch aufzuzeigen? Wäre doch sicherlich einfach gewesen bei Ihrer Spielstärke! Ein eigenes Gegenbeispiel hätte es da bestimmt auch getan. Da Sie das nicht taten, verharrt Ihre Ablehnung auf der Ebene von Vorurteilen. Das ist Fakt.

Sie schreiben: „Wegen meines so eindeutig negativen Urteils habe ich mich im Internet auf die Suche nach freundlicheren Besprechungen begeben, aber keine gefunden – jedenfalls nicht von namhaften Autoren“.

Klar, wenn man so eine „gut begründete Meinung“ vertreten möchte, sucht man gezielt nach Gesinnungsgenossen. Dabei ist für Sie wichtig, dass die negativen Stimmen zur B-Methode „von namhaften Autoren“ kamen. Ja, gerade namhafte „Autoren“ kennen Futterneid. Oder? Je einflussreicher, umso deutlicher, so wie in fast allen gesellschaftlichen Bereichen. Nur – Kritiker sollten das wissen!

Da sich der Rest Ihres Artikels in ähnlich gezeigter Weise wie oben präsentiert aber letztlich auf den gleichen Grundgedanken basiert, möchte ich auf gesonderte Kommentare dazu hier verzichten, was sicherlich nachvollziehbar ist.

Mein Fazit.

So arbeiten heute die Medien. Keine ernsthafte Diskussion, keine Argumente, kein Meinungsaustausch, aber reichlich Vorurteile und Verleumdungen wie „Finger weg von der Felderstrategie!“ Warum ist es heute so? Warum findet nie eine ernsthafte Diskussion statt? Haben wir keine Probleme im Schach? Alles ist OK, wir sind die Weltmeister?

Der Schachfreund bleibt also der Dumme. Er hat keine Diskussion verdient, und vor allem keine Methode, die ihn hinter die Kulissen schauen lässt, zumindest was sein eigenes Denken im Schach betrifft.

Einerseits ist Schach ein Denksport und alle versuchen, die Grundlage dieser Sportart, die Denktechnik, zu verbessern, andererseits gehen diejenigen, die dies könnten, mit ihren Schülern so um, dass diese möglichst niemals selbständig denken lernen, so hält man sie abhängig.

Mit freundlichen Grüßen,

Alexander Bangiev

Hannover, den 08.01.2007 

Anlage: pdf 10 Beispielpartien 74.91 Kb

 
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