Home arrow Methode arrow Artikel arrow Schachspiel trainieren oder lernen?
Schachspiel trainieren oder lernen?
Über Jahre wurde das Schachtraining mit dem Schachlernen verwechselt. Dies aus gutem Grunde: Man muss im Schach in der Tat viel lernen: Die Schachregeln, die Bewegungsart der Steine, wie man eine Partie beginnt, das Mittelspiel, das Endspiel usw.. 

Dadurch gewinnt man den Eindruck, dass die Erfolge im Schach eng mit dem Kennen von immer mehr Regeln, Zugabfolgen, Stellungen usw. zusammenhängen und dass derjenige, der fleißig, regelmäßig und zielstrebig viel Wissen speichert, der möglichst viel Zeit in Gedächtnis-Arbeit investiert, indem er immer mehr Schachliteratur studiert, auch die besten Chancen hat, gute Fortschritte zu machen auf dem Weg zum erfolgreichen Schachspieler.Sicher ist es wichtig, möglichst viel über das Schachspiel zu erfahren, aber dies hat nichts mit dem Schachtraining zu tun. Das Trainieren steht meistens völlig im Schatten des Lernens; manche meinen, Üben und Lernen seien praktisch dasselbe und würden sich nur unterscheiden durch das Ausmaß des Selbststudiums. Unter „Üben“ verstehen sie im Wesentlichen das Memorieren des Gelernten, das Einprägen von Wissen, am besten bis zum Auswendig-Lernen.

Kennen oder Können? Lernen oder Trainieren?

Es stellt sich also die Frage, was wichtiger ist: Das Kennen oder das Können? Das Lernen oder das Trainieren, also das Spielen? Für mich kennzeichnet diese Unterscheidung zwischen Lernen und Trainieren die eigentliche Einstellung zum Schachspiel.

Unter „Lernen“ wollen wir Folgendes verstehen: Die Aneignung und Speicherung von Schachwissen, so von Begriffen, Kenntnissen und Beispielen, zwecks Schaffung einer gründlichen Informationsbasis.
Unter „Trainieren“ soll verstanden werden: Die eigenen Fähigkeiten, Schach zu spielen, zu fördern, sie ständig weiter zu entwickeln. Hier stellt sich sogleich die Frage: Welche Fähigkeiten sollen im Schachsport gefördert werden? Da gibt es natürlich viele, z.B.: Die Stellung beurteilen, Varianten berechnen, Pläne entwickeln und die entsprechenden Züge suchen, Kombinationen sehen. Das alles soll ständig trainiert, geformt, reformiert und immer weiter entwickelt werden, so dass man, auf sich selbst gestellt, zunehmend leichter, sicherer und selbstbewusster in jeder Partie zu agieren lernt.

Ich bin der Meinung, dass im Schachspiel das Können viel wichtiger ist als das Kennen; und dass es somit viel wichtiger ist, mehr zu spielen als mehr zu lernen.

Schachforschungen haben es bewiesen:

Das Thema „Schachdenken“ ist ein wichtiges Thema, und dieses nicht nur fürs Schach. Es gab viele Forschungsversuche auf den verschiedenen Ebenen.
Hierbei einige Ausschnitte aus spezieller Literatur.

„Schon in den 1960er Jahren zeigte ein Vergleich, dass die Überlegenheit von Experten gegenüber Amateuren sich auf das bessere Beherrschen bestimmter Fähigkeiten gründet: Während der Laie zur Analyse einer Spielsituation das gesamte Brett betrachtet, entdeckt der Schachprofi blitzschnell die für Verteidigung und Angriff besonders kritischen Zonen. Auf diese konzentrieren sich dann seine weiteren Überlegungen. Diese Gabe verschafft dem Großmeister einen doppelten Vorteil: Einerseits kann er die aktuelle Stellung wesentlich rascher erfassen und bewerten, andererseits braucht er für die Auswahl des geeigneten Zuges nicht alle sondern nur die wichtigsten Steine zu berücksichtigen.

Adrian de Groot von der Uni Groningen, einer der Pioniere der Schachforschung, brachte das außergewöhnliche Talent der Profis in einem Satz auf den Punkt: „Ein Meister des Schachspiels sucht nicht den besten Zug, er sieht ihn.“


Damit stellte sich den Forschern gleich die nächste Frage: Welche Kenntnisse oder Denkstrukturen sind dafür verantwortlich, dass Schachexperten die Lage auf dem Brett schneller durchschauen und die besseren Entscheidungen treffen? Es wurden Experimente durchgeführt (von William Chase und Herbert Simon, 1973, Carnegie Mellon University in Pittsburgh 1973), in denen Großmeister, Fortgeschrittene und Anfänger jeweils fünf Sekunden Zeit bekamen, um sich eine Stellung zu merken; und zwar wurden ihnen zwei Arten von Stellungen geboten, bestehend jeweils aus 25 Steinen: zum einen Stellungen aus echten Partien, zum anderen rein zufällige Anordnungen. Danach sollten die Versuchspersonen aus dem Gedächtnis die gezeigten Stellungen möglichst genau auf leeren Brettern nachbauen.

Die Ergebnisse beweisen: Konfrontiert mit den rein zufälligen Aufstellungen, schnitten Meister, Klubspieler und Amateure gleich ab. Doch in den echten Spielsituationen offenbarte sich zwischen den Gruppen ein deutliches Leistungsgefälle: Nach fünf Sekunden Derkzeit schafften Großmeister um die 16 Richtige, Klubspieler acht und Anfänger vier. Zufällige Aufstellungen merken sich Anfänger und Profis ähnlich gut. Bei realen Spielsituationen sind die Könner dann deutlich besser.Der Trick: Ihr Gedächtnis speichert im Spiel häufig vorkommende Figurengruppen en bloc ab. Profis sehen das Ensemble als Ganzes, ihre Augen konzentrieren sich auf das Zentrum einer bekannten Figuren-Konstellation, genannt Chunks„.
Abb. Aus „Im Gehirn des Großmeister“; Gehirn und Geist 6/2003

Alle Fähigkeiten zusammen kann man unter dem Begriff „Denken“ subsumieren.

Denken

Was geschieht eigentlich beim Schachspielen? Man soll Züge machen. Aber jeder Zug ist bereits ein Produkt des Denkens, das Ergebnis einer gedanklichen Anstrengung. Die Gedanken müssen einem bestimmten Ziel bzw. einem Stützpunkt untergeordnet sein. Denn, wie schon Stefan Zweig bemerkte, brauchen die Gedanken einen Stützpunkt, sonst beginnen sie zu rotieren und sinnlos um sich selbst zu kreisen. Diese gedankliche Anstrengung, gerichtet auf das Ziel, einen geeigneten Zug zu finden, die eigentliche „Schach-Denktechnik“, sei im Weiteren kurz „Denktechnik“ genannt.

Wie denkt ein Schachspieler?

Ein Großmeister denkt zu achtzig Prozent mit dem Langzeitgedächtnis und zu zwanzig Prozent mit dem Kurzzeitgedächtnis. Bei einem (Anfänger oder sehr) schwachen Spieler ist das Verhältnis umgekehrt. Bei einem Vereinsspieler ist es etwa fünfzig-fünfzig. Weil das Kurzzeitgedächtnis wenig Kapazität hat, ist es nützlich, das Langzeitgedächtnis zu aktivieren. Gedächtnis- und Rechenkünstler haben spezielle Techniken dafür entwickeln, Großmeister greifen auf ihr gelerntes Arsenal an Motiven und Figurenkonstellationen zurück.Der amerikanische Wissenschaftler Herbert Simon hat dafür den Begriff Chunks geprägt und die Zahl der Chunks, die ein Spitzenspieler kennt, auf 50000 bis 10000 geschätzt.
Abb. Schach 10/2001; „Zugriff auf die Großhirnrinde

„Der Schachspieler denkt beim Schachspielen hauptsächlich in Bildern. Wenn er ein schwieriges Problem zu lösen hat, lässt er in seiner Vorstellung eine Vielzahl von möglichen Zugfolgen ablaufen, die ihm sinnvoll erscheinende Kräftebewegungen darstellen; die dabei entstehenden Konstellationen versieht er mit einfachen Bewertungen. Sie sind zumeist vergleichender Natur; der überlegende sagt sich: Dies ist günstiger als jenes für mich.“

Abb. Aus „ChessBase Magazin“ 95/2005; „Intuition“ von Hübner, R

Schach-Denken

Was geschieht eigentlich beim Schachspielen? Man soll Züge machen. Aber jeder Zug ist bereits ein Produkt des Denkens, das Ergebnis einer gedanklichen Anstrengung.

Die Gedanken müssen einem bestimmten Ziel bzw. einem Stützpunkt untergeordnet sein. Denn, wie schon Stefan Zweig bemerkte, brauchen die Gedanken einen Stützpunkt, sonst beginnen sie zu rotieren und sinnlos um sich selbst zu kreisen. Diese gedankliche Anstrengung, gerichtet auf das Ziel, einen geeigneten Zug zu finden, die eigentliche „Schach-Denktechnik“, sei im Weiteren kurz „Denktechnik“ genannt.

Fazit

Das Schachspiel ist ein Denksport.Das Schachspiel ist kein Mannschaftsport, man spielt es als Einzelkampf, und daher wird auch überwiegend allein trainiert: Wir nennen das „Schachtraining“. Doch was soll im Schachtraining geübt werden? Eine Sportdisziplin ist immer mit einer menschlichen Fähigkeit verbunden. Durch Sport trainiert man eine oder mehrere menschliche Fähigkeiten und dadurch wirkt sich der Sport auf den Sportler positiv aus.Ich meine, dass der Schachsport diesen Kriterien genügt. Die Schachspieler trainieren ständig eine der wichtigen menschlichen Fähigkeiten, nämlich das Denkvermögen. Merkwürdigerweise wird diese Tatsache aber im Schachsport nicht im vollen Umfange erkannt und daher auch nicht entsprechend geschätzt. Im Zentrum jeder Beschäftigung mit Schach soll das Trainieren der eigenen Denktechnik stehen. Das Trainieren der eigenen Denktechnik soll zum Alltag werden.

Autor: Alexander Bangiev 

 
< Zurück   Weiter >